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ECHTERNACH, Mullerthal, Luxembourg
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15. November 2011

Das neue Buch: ECHTERNACH




Krieg….und Frieden, amen.


Zeitangaben werden dem Besucher in Echternach gerne mit „vor, bis zu oder seit der Revolution“ sowie „vor, seit oder nach dem Krieg“ vermittelt. Einschneidende Ereignisse wie Kriegsgeschehen, Umbrüche im Gefüge der Stadt und im Leben der Eechternoacher prägen die Geschichte(n). Eine Zeit lang. Solange der Vorrat an Dokumenten, Nachlässen und Zeitzeugen reicht.
Das kollektive Gedächtnis wird es schon richten. Selektion? Nein! Pfui, böses Wort!

Was geschah vor oder nach der römischen Invasion? Während der Germaneneinfälle? Vor der Mission Abteigründung?
Heidnisches Zeug – wen juckt ’s?
Mangels Beweisen: Freispruch. Kollektiver.
Die Revolution, das war die Französische; der (letzte!) Krieg, das waren die „Preisen“.
Echternach? Judenfrei, selbstverständlich.

Ich verweise auf die Ausstellungen, (Selbst-)Darstellungen und Veröffentlichungen zum Thema Krieg, Einmarsch, Zerstörung, Evakuation, Zwangsrekrutierte, Befreiung, Wiederaufbau… und bewahre ganz privat die Totenbildchen von Nachbarsjungen aus dem Gebetbuch meiner Mutter.
„Wolseby“ mochte Kekse und die Kuchen von Tata Diesburg. Die Nachbarsfrau meiner „Mimamm“ Oma im „Hoynswenkel“ war eine richtig liebe Person. Zum Knuddeln? Nein. Das gerahmte Foto in der „Stuff“ trug einen schwarzen Balken. „Der Junge auf dem Foto ist Ferdy“. Tata Diesburg liebte uns Kinder. Knuddeln konnte sie uns nicht. Sie musste sonst weinen.

Was dachten und taten auch Eechternoacher während des Krieges? Über alles wächst mal Gras. Ist das Gras so hoch gewachsen, frisst ‘s ein Schaf. Das war’s.

Mein Erbe…
1914, also demnächst vor 100 Jahren, wurde in Echternach im „Hoynswenkel“ im Haus des Schusters Mathias DOM -DELL gegen Ende März die Geburt einer weiteren Tochter gefeiert: „Lexen“ Lina. Kurz zuvor, Ende Januar, hatten Abraham WIELKOWOLSKY und seine Frau Brusha RUSSAK in Mannheim ihren Erstgeborenen Sohn Armand, genannt Hermann zur Welt gebracht. Zwei Babys in einer Welt am Rand des 1ten Weltkrieges.

Wobei, es waren zwei Welten, mindestens:
- ein nach dem Umsturz des Zarenregimes aus Russland geflohener älterer Herr, westlich orientiert gebildet und früher relativ gut situiert und eine sehr junge Frau aus der Gegend um Lodz, tief verwurzelt in einer jiddischen Familie, ihrer Kultur und Tradition für Hermann und
- ein Rückkehrer, ein in Amerika geborener Sohn der an Krankheit und Tod des Vaters gescheiterter Echternacher Auswanderer DOM-SCHOEMANN und eine Tochter aus dem Hause DELL-DIEDERICH „an Lexen“ für Lina…
- mit EECHTERNOACH als gemeinsamen Nenner und dem Ergebnis: das Kind „Wolseby“ als Verpflichtung und Kuriosum.

Die Aktenlage zur Familienchronik ist sehr lückenhaft, nicht zuletzt wegen ihrer echten Weltläufigkeit von Russland bis Amerika; und weil die Generationen-Abfolge lange Zeiträume überbrückt: meine Großeltern lebten schon - noch im 19ten Jahrhundert. Diese Generation wurde von ihren Kindern gesiezt.
Meine „Mimamm“ Oma mütterlicherseits hatte ihr langes Haar immer adrett zum Knoten gesteckt, trug stets eine Kittel-Schürze mit einem Rosenkranz in der Tasche; nie zeigte sie sich „hallef plaakig“ und sie bestand auf mindestens einem langärmeligen Nachthemd mit Bettjacke und doppelt bis dreifachem Gedeck bevor die Kinder ihre Kammer betreten durften. Ihr Lieblingsplatz war der „Eeck“ vor dem Haus an der „Geesschen“ im „Hoynswenkel“. Fremde Mannspersonen wurden grundsätzlich, wenn überhaupt, in der dritten Person angeredet. Was meine Mutter auch fast 100 Jahre später noch zustande brachte und damit die Handwerker im Haus regelmäßig ins Grübeln versetzte: „Möchte er eventuell jetzt ein Bier?“ -Hä??? Er? Wer? Es ist ja außer mir keiner da.

Keiner da.
Mein Großvater „Lexen Mett“ ist einige Jahre vor meiner Geburt verstorben. Es gibt ein Paar Familien-Fotos mit einem stattlichen, ernst dreinschauenden Mann mit einem „Schnutz“. Mein anderer „Tate“ hatte sich wohl wieder auf Reisen begeben und liegt seit 1939 vermutlich noch in Metz begraben. Ich habe tatsächlich nur seinen Namen: Wielkowolsky.

Von meiner Großmutter Brusha „Rosa“ gibt es zwei kleine Fotos. Sie hat sich, laut Luxemburger Gerichtsurteil vom 8.01.1962, zwischen dem 10.09.1942 und dem 8.05.1945 in Auschwitz buchstäblich in Rauch aufgelöst. Mit zwei von ihren fünf Kindern.
Manchmal beneide ich meine Klassenkameraden um den Autobus voll „Famill“: Ur-ur-Großeltern und Enkel…Meistens jedoch nicht.

Mein Papa „den Hermann“ *1914 in Mannheim, war geprägt von einer klassischen deutschen Grundschule mit Fleiß, Disziplin und Geigenunterricht. Deutsche Grammatik, jiddische Weltanschauung im frankophilen familiären Umfeld. Widersprüchliche Dokumente belegen eine Jugendzeit von 1927 bis 1937 in Metz (?) und von 1927 bis 1940 in Luxemburg (Esch-Alzette und Echternach). In Esch ging Papa zum Rudern, zum Tanzkurs und zum Boxtraining. Er war ein guter Schwimmer und ewig ein hervorragender Tänzer.
In Luxemburg und in Echternach machte er seine Lehre zum Frisör. Für Damen.
1940 aus Luxemburg ausgewiesen, flieht er nach Südfrankreich (Montpellier), schafft den Sprung über die Grenze nach Spanien im Gefolge einiger Echternacher und Luxemburger Kameraden nicht und wird am 28.08.1942 über Drancy mit dem Konvoi der SNCF Nummer 25 nach Auschwitz gebracht, in ein Außen-Lager. Er überlebt.
Das Lager wird von den Russen befreit; er muss jedoch auch nach dem 7.06.1945 zur ärztlichen Behandlung „noch einen Monat hierbleiben“ laut Attest der Stadtgesundheitsamt Görlitz. Er kommt am 30.07.1945 zurück und ist ab dem 1.08.1945 wieder in Echternach. Die kaputte Niere wird man ihm in Luxemburg entfernen, auf Wunsch auch die tätowierte Lagernummer. Es gibt keine sentimentalen Reliquien. Kein Abzeichen, keine Uniform und keine Nummer. Es gab den 4-Zylinder 220er Mercedes aus der Wiedergutmachung. Ich habe ihn 1980 auf dem Michelshof total zu Schrott gefahren. Ich blieb unverletzt.
„Wolseby“ hat gesehen, dass Papa am Rücken eine tiefe Narbe und am Arm ein „Leinzeïchen“ hatte. Erklärungen? „Vielleicht, wenn ich mal ganz alt bin, erzähle ich es dir“. Papa wurde nicht ganz alt.
„Schau hin, denke nach und du kommst von selbst drauf...“ Jetzt, 25 Jahre nach Papas Tod, öffne ich die Akten. Für Hermann.

Lexen Lina *1914 besucht die Primärschule in Echternach, mochte nicht ins Kloster eintreten und beendete somit ihre erschwingliche schulische Laufbahn. Mittels Lehrgeld gab es eine Ausbildung zur Schneiderin.
„Wolseby“ trug als Kind fast nur handgefertigte Kleider. Maßgeschneidert. Lauter Unikate! Schierer Luxus!

Wie viele Eechternoacher trat Lina eine Stellung in Brüssel an. In einer jüdischen Familie, als Haushälterin. Kurz vor dem Krieg schickt der Hausherr sie mit eindringlicher Warnung zu ihren Eltern nach Echternach zurück. Lina arbeitet in Hotels: „Petite Marquise“, „Belair“, „Place“ und im „Beau Séjour“, wo Hermann zur Pension wohnte. Lina und Hermann? Unmöglich.

Wie gefährlich es tatsächlich war, habe ich begriffen, als ich den Drohbrief eines aufrechten Eechternoacher an „Mademoiselle“ las.Lina hat diesen Brief samt Umschlag zeitlebens aufbewahrt. Versteckt.
Für das Verstecken eines Wehrpflichtigen im Elternhaus gab es nach dem Krieg eine Auszeichnung von „Ons Jongen“ für die Familie DOM-DELL.

Die Evakuierung verbrachte Lina in Saeul. Das Elternhaus im „Hoynswenkel“ war bei der Rückkehr der Familie beschädigt. Noch beschädigter war Hermanns Schatzkiste die Lina im elterlichen Garten vergraben hatte… und fast wäre aus mir nichts geworden. Weil Lina kaum Hoffnung hegte, dass just ihr Hermann das KZ überleben werde, hätte sie beinahe so einem „Fred“ seine Hoffnung erfüllt und wäre ihm in die „States“ gefolgt.
Ätsch! Das haben die Russen verhindert.

Lina und Hermann heirateten am 25. September 1956 in der Basilika vor Gott und dem Dechanten Biermann, vermittels Dispens aus Rom, vom Papst (!) Hermann hatte sich schriftlich verpflichtet, etwaige Nachkommen dieser (Misch-)Ehe dem rechten Glauben zu zuführen und fortan katholisch zu erziehen.
„Wolseby“ wurde getauft, schritt zur Kommunion und wurde konfirmiert. Weiterhin auch strengstens angehalten bis zum vollendeten 18ten Lebensjahr all Sonntäglich die Gottesdienste zu besuchen. Dafür stand Papa, ohne Widerrede. Während meine Mutter im rechten Glauben oftmals Nachsicht… -Nein! Kommt nicht in die Tüte.
So oder so: es reichte letztlich, wenn wir Teenager ganz hinten in der Basilika neben den Statuen von Benediktus und Willibrordus eine kurze Zeit die Weihwasserkessel stützten, um herauszufinden, wer (der Dechant oder welcher der beiden Kapläne?) die Messe las und dann beizeiten, unauffällig die „Petite Marquise“ durch den Nebenausgang verließen um ganz pünktlich zu Hause zu sein. Fragen Sie die Politikerinnen Carmen oder Denise.
Das war für mich schon damals wichtig: eine passende Antwort auf etwaige Fragen… Ehrlich ???

Muss man jetzt die ganzen Kisten alle vom Speicher herunterholen und all die Leichen aus den Kellern, damit die Kirche im Dorf bleibt? Dafür spricht mein ordentlicher Gerechtigkeitssinn. Dagegen steht der letzte Wille, sich seinen Gleichmut zu bewahren. Die tatsächlichen Wahrheiten offenlegen? Keine Panik!!! Nein.
Das Komische an den Kisten ist: man entdeckt die dollsten Sachen.

Fazit: Ich empfehle einen nachdenklichen Osterspaziergang über die „Frühlingsknupp“ hinauf zu einem vergnüglichen Ausflug auf den „Ernzenerbeerch“. Steigen Sie meinetwegen noch hinab zu der Klause und versuchen sich vorzustellen, wie es sich wohl damals gelebt hat… Genießen Sie unbedingt den klaren Blick auf Eechternoach von der Liboriuskapelle herab!
Trällern Sie getrost den „Schauheiljerapostel“ und bitten Sie inbrünstig: „Beschirme den Glauben der Väter!“
Amen.